Ludwig van Beethoven

Getauft am 17.12.1770 in Bonn

Gestorben am 26.3.1827 in Wien

 Leonard Bernstein

Geboren am 25.8.1918 in Lawrence, Massachusetts, USA


Gestorben am 14.10.1990 in New York

Nicht weniger als fünf Bände zählt die Biographie, welche neunzig Jahre nach Beethovens Tod erschienen ist und Leben und Werk umschreibt. Drei Musikforscher und -schriftsteller haben in jahrzehntelanger Arbeit versucht, einen Geist zu ergründen, der die Welt so reich beschenkt und auf der anderen Seite selber so hart gekämpft und gelitten hat.

Kindheit
Ludwigs flämischer Grossvater war Sänger und Hofkapellmeister in Bonn. Er starb, als sein Enkel gerade erst drei Jahre zählte. Die frühen Erinnerungen prägten jedoch seine eigene Zukunft. Der Vater Johann war ebenfalls Sänger. Aber sein übermässiger Alkoholgenuss führte zu Verwahrlosung und Armut.
Anstatt in die Schule geschickt zu werden, musste der kleine Ludwig täglich am Klavier stehen (auf einem kleinen "Bännkgen") und üben. Früh begann die Karriere eines Wunderkindes, welches mit seiner Kunst der Menschheit dienen sollte. Als Siebenjähriger, in den Ankündigungen des Vaters noch um ein Jahr jünger gemacht, trat Ludwig "mit verschiedenen Clavier-Concerten und Trios" auf. Erst elfjährig wirkte er bereits als unbesoldeter Vertreter des Hoforganisten. Auch das Violinspiel sollte er erlernen. Als Ludwig siebzehn Jahre alt war, starb die Mutter Maria Magdalena, fünf Jahre später der Vater. Von den sieben Kindern erreichten nur Ludwig und zwei jüngere Brüder das Erwachsenenalter.
Verzicht und Verantwortung prägten den Knaben. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er zum Familienoberhaupt. Zwei Jahre später, als Neunzehnjähriger bat er den Kurfürsten Maximilian Franz, ihm die Hälfte des Gehalts des nicht mehr dienstfähigen Vaters zur Ernährung der Familie zufliessen zu lassen. Für Ludwigs künstlerischen Werdegang war sein Vater hingegen wesentlich von Bedeutung. Mit seinem begabten Sohn unternahm er allerlei Reisen in die Umgebung, um den Bildungshorizont zu erweitern.
Seine "Schutzengel" jedoch nannte Beethoven später die Mitglieder der Bonner Adelsfamilie Breuning, die ihn herzlich in ihr Haus aufnahmen.

Ein sehr wichtiger Lehrmeister war seit 1781 (!) der gebildete Komponist und Aufklärer Christian Gottlob Neefe. Dieser unterrichtete Ludwig in der Tradition des Generalbasses und machte ihn mit dem "Wohltemperierten Klavier" Joh. Seb. Bachs, mit Haydn und Mozart vertraut. Er erkannte das Genie sehr früh, und 1782 sorgte er für eine Veröffentlichung von Klaviermusik des zwölfjährigen Künstlers.

Sturm und Drang
Kaum ein anderer Musiker der Weltgeschichte investierte so viel Fleiss und Energie in seine eigene Weiterbildung wie L. v. Beethoven. Im Jahr der französischen Revolution schrieb er sich als Student in der neuen Bonner Universität ein. Als kritischer Zeitgenosse war er an Philosophie und Politik interessiert. Friedrich Schillers "Ode an die Freude"(1785) faszinierte ihn schon damals, denn auch er war voll von idealistischen Ideen.1792 konnte Beethoven mit einem Stipendium des Kurfürsten nach Wien reisen, um sich dort von Joseph Haydn weiter ausbilden zu lassen. Von Antonio Salieri wurde er im "freyen Styl" und in der italienischen Gesangskomposition unterrichtet; sein Geigenspiel wollte er noch vervollkommnen.

Mit fünfundzwanzig Jahren trat Beethoven in Wien an die Öffentlichkeit. Er zeigte sich als Virtuose auf dem Klavier und spielte bereits seine beiden eigenen Klavierkonzerte. Eine Konzertreise führte ihn nach Berlin, Dresden, Prag und Budapest.Doch sein Streben (Goethe!) stand noch lange nicht still. Fünf Jahre später, am 2. April 1800 ertönten im Burgtheater nacheinander eine Sinfonie von Mozart, zwei Gesangsarien aus Haydns neuer "Schöpfung", Beethovens Septett op. 20, sein Erstes Klavierkonzert und sozusagen als Krönung seine Erste Sinfonie in C-Dur unter seiner Leitung (welch ein Marathon!).
Der Komponist des neuen Jahrhunderts war damit unumstritten etabliert. Waren Haydn und Mozart noch vorwiegend Auftragskomponisten von Fürstenhäusern, so wollte nun Beethoven ganz freischaffender, unabhängiger Künstler des Bürgertums sein, sowohl formal wie auch inhaltlich seine Botschaften vermitteln können.

Beethoven 1800

Beethoven im Jahr 1800. Stich von Johann Neidl

Verdüsterung
1801 schrieb L.v.Beethoven an einen Freund: "dein Beethoven lebt sehr unglücklich, ...wisse, dass... der edelste Theil, mein Gehör sehr abgenommen hat... meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheissen hätten." Einem anderen Freund teilte er mit: "ich will dem Schicksaal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht."
Ein Jahr später entstand das sogenannte "Heiligenstädter Testament" (nach einem in der Natur schön gelegenen Dorf nahe von Wien). Der zweiunddreissigjährige Beethoven richtete das Schreiben an seine beiden Brüder, offenbarte ihnen seinen Zustand, seine Verzweiflung darüber und auch seine daraus hervorgegangene Philosophie, sich in sein Schicksal zu ergeben und sein Leid in Geduld zu ertragen bis zum Ende. Er erklärte seine Brüder, seinen Arzt und den Fürsten Lichnowsky, welcher ihn finanziell unterstützt hatte, zu seinen Erben. Die Brüder ermahnte er, ihren Kindern Tugend zu empfehlen und beendete das Testament mit einem Seufzer: "o Vorsehung - lass einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen..."

Ergebenheit, Verzicht
Wie einsam sich Beethoven fühlte, und wie sehr er sich nach Geborgenheit sehnte, zeigt auch sein Brief von 1812 an die "Unsterbliche Geliebte". Als Anrede schrieb er: "Mein Engel, mein alles, mein Ich...". Wer gemeint war, weiss heute noch niemand mit Sicherheit. Der Inhalt handelt von Aufopfern, von Verzicht, von Leiden, von Demut, von Treue und Liebe, von Glück, Unglück und Sehnsucht.

Doch man glaubt es kaum, in der Zeit zwischen diesen zwei Seelendokumenten komponierte Beethoven sieben grosse Sinfonien, das Oratorium "Christus am Ölberge", die Oper "Fidelio", das Violinkonzert, mehrere Ouvertüren, drei Klavierkonzerte und einige Streichquartette!

Moralische Verantwortung
Bevor Beethoven mit erneutem Schöpfergeist sich seinem Spätwerk zuwandte, erbrachte oder besser gesagt erzwang er noch eine allerdings nicht ganz gelungene moralisch pädagogische Leistung. Nach dem Tod seines Bruders Kaspar Karl liess er sich als alleinigen Vormund des Neffen Karl einsetzen. Er entriss sogar den Knaben seiner Mutter (in langem, schlussendlich gewonnenen Prozess) und begann nun, ihn alleine zu "erziehen". Karl sollte nach seiner Meinung Künstler oder Gelehrter werden, was sich zu einer mühsamen und leidvollen Angelegenheit entwickelte. Die Möglichkeit für Beethoven, zu einer eigenen Familie zu kommen, wurde für den Neffen zum Kerkerdasein.

Tragisches Ende
War Beethoven 1814 zum letzten Mal öffentlich als Pianist aufgetreten, so konnte er drei Jahre später keine Musik mehr hören, und von 1819 an verkehrte er mit der Aussenwelt nur noch über seine Konversationshefte. Der innere Drang, weiter zu komponieren, war hingegen stärker als alles äussere Leiden. 1823 wurde die "Missa solemnis" beendet, ein Jahr darauf die "Neunte Sinfonie" mit der "Ode an die Freude" von Schiller, und 1825 folgten die letzten Streichquartette.
Nach dem missglückten Selbstmordversuch des Neffen Karl wurde Beethoven sehr krank und starb im Frühling 1827. Eine skizzierte Zehnte Sinfonie blieb unvollendet.

Der erste in Amerika geborene und auch in den USA ausgebildete Pianist, Komponist und in ganz Europa bekannt gewordene Dirigent des 20. Jahrhunderts konnte am Ende seines Lebens festhalten: "Ich muss mich ausruhen, ich bin alt, müde und krank, doch glauben Sie mir, ich habe dieser Welt noch eine ganze Menge zu sagen!" Dies sind nochmals die Worte eines Pädagogen, dessen Bedürfnis, sich mitzuteilen so typisch für den Musiker der ganz besonderen Art war.
Bernstein sagte von sich, er sei in erster Linie ein Komponist ernster Musik. Das stimmt insofern, dass er ja eine Sinfonie komponiert hatte, bevor er einen Song schrieb. Die "Musicals" sind ein Teil seines ganzen Werks; mit der Musik zur "West Side Story" ist Leonard Bernstein populär geworden. So gesteht er selber ein: "Ich habe insgeheim den Verdacht, dass jedes meiner Stücke - ganz gleich für welches Medium - in gewisser Hinsicht Theatermusik ist."

Im Zusammenhang mit "unseren Konzerten" ist interessant zu wissen: Neben der echten amerikanischen Musik, die Bernstein zahlreich als Dirigent aufführte, leitete er unzählige Konzerte mit Musik von Beethoven, dessen Klavierkonzerte zum Teil vom Flügel aus. Ebenfalls spielte er Gustav Mahlers "Sinfonie der Tausend" mit europäischen Orchestern ein. Überhaupt war er von Beethovens wie auch von Mahlers Musik ganz besonders fasziniert.

Wie kam es denn soweit?
Leonards Vater Sam war erst sechzehnjährig aus einem jüdischen Dorf in Russland nach Amerika ausgewandert. Nach Jahren mühsamer Arbeit als Fischputzer, später als Coiffeurangestellter bei seinem früher emigrierten Onkel gründete er in Boston eine eigene Kosmetikfirma. Leonards Mutter Jennie war ebenfalls auf abenteuerliche Weise als siebenjähriges russisches Mädchen nach Amerika gekommen. Auch ihre Familienmitglieder waren praktizierende Juden.

Seine frühe Kindheit schilderte Leonard Bernstein als gar nicht glücklich. Er war ein schwächliches, kränkliches Kind, welches unter dem häufigen Wohnungswechsel seiner Eltern in der Umgebung von Boston zu leiden hatte und, von Asthma und Heuschnupfen geplagt, scheu und zurückgezogen aufwuchs. Das einzige, was ihn freute, waren die mit Musik (Chor und Orgel) verbundenen Kirchgänge in Begleitung seiner Eltern.Dann kam die Erlösung: Ein Klavier, von einer Tante nicht mehr gebraucht, wurde in die Wohnung gebracht. Nach ausgiebigem Experimentieren und "Spielen" auf dem Instrument durfte der Elfjährige bei einer Nachbarin Stunden nehmen. Die Fortschritte, die Leonard machte, waren erstaunlich. Bald konnte er ein Konservatorium besuchen.

Bernstein

L. Bernstein in "Ein Leben für die Musik", E. Castiglione, Henschel-Verlag Berlin 1993

Der Vater nahm den Knaben ab und zu in Konzerte mit (Ravel, Rachmaninow), wollte aber Leonards Wunsch, selber Musiker zu werden, lange Zeit nicht akzeptieren, was zu heftigen Auseinandersetzungen mit finanziellen Konsequenzen führte. Leonard war ein überdurchschnittlich guter Schüler. Nach seinem Schulabschluss begann er ein Studium an der Harvard-Universität, wo er neben den Musikfächern auch Vorlesungen in Philosophie, Ästhetik, Literatur- und Sprachwissenschaft besuchte. Diese fünf Jahre nannte Bernstein "die glücklichste Zeit meines Lebens".
In Harvard befreundete er sich mit Aaron Copland, welcher eine Komposition unter dem Einfluss von Strawinsky und Bartók geschrieben hatte. Einer seiner besten Lehrer war Walter Piston, der ebenfalls aus Massachusetts stammte.
In diese Zeit fiel auch die für das weitere Fortkommen entscheidende Begegnung mit dem Dirigenten Dimitri Mitropoulos. Er riet Bernstein (er nannte ihn "genius boy"), sein Musikstudium in Philadelphia, am Curtis Institute of Music, bei Fritz Reiner weiterzuführen. Auf diesem Weg lernte Bernstein bald auch den vorbildlichen Dirigenten Sergej Koussevitzky in Tanglewood kennen und arbeitete mit ihm mehrere Jahre lang in gemeinsamen Kursen während den Sommermonaten.
Neben seiner Ausbildung war Leonard Bernstein immer wieder gezwungen, Geld zu verdienen. Er spielte bei Festen, Hochzeiten, aber auch in Bars und Nachtlokalen; er arrangierte einfache Melodien und Lieder für eine kleine Jazzband und schämte sich deswegen nicht. Einigen Nachbarskindern gab er Musikunterricht.

Nachfolgend einige wenige, aber wichtige Teilziele von "Lennys" steiler Dirigenten-Karriere:

1934 Erstes öffentliches Konzert als Pianist mit dem Boston Public School Symphony Orchestra (Klavierkonzert von E. Grieg)

1939 Erstes Konzert als Dirigent und Komponist mit "The Birds" in Harvard.

1943 Spektakuläres Konzert des 25-jährigen Bernstein als Vertreter des Dirigenten Bruno Walter mit den New Yorker Philharmonikern; Ernennung zum 2. Dirigenten dieses Orchesters.

1947 Auftritt in Tel Aviv. Eine enge Verbindung mit dem Israel Philharmonic Orchestra bleibt bestehen.

1948 In Rom, 1953 in Mailand (Scala), 1954 in Venedig

1954 Erste Fernsehsendung über "Beethovens Fünfte Sinfonie"

1969 Letztes Konzert mit den New Yorker Philharmonikern als deren Musikalischer Leiter. Von da an dirigierte Bernstein alle führenden Orchester der Welt.

1989 Fall der Berliner Mauer; am 23. und 25. Dezember dirigiert Bernstein in beiden Teilen Berlins die "Neunte Sinfonie" von Beethoven.

"Die Musik ist mein Leben, und mein Leben ist die Musik." (Leonard Bernstein)

 

 

Christine Bühler