200 Jahre Cantus Basel
Werner Hanak hat die tiefgründige Geschichte unseres Chores erkundet.
Cantus Basel
Ein Chor im Hier und Jetzt feiert 200. Geburtstag
Cantus Basel ist ein musikalischer Glücksfall. Ein gemischter Chor, der von jeder einzelnen der rund 60 Stimmen getragen wird. Eine Dirigentin, die auf gut geführte Stimmen und Stimmbildung setzt, Singen als Befreiung sieht, nicht vor anspruchsvoller Literatur der Klassik und Moderne zurückschreckt, ihren Chor fordert, aber nicht überfordert. Dazu ein schlanker, effizienter Vorstand, wenig Vereinsmeierei. Zwei gut besuchte Konzerte im Jahr, eines davon mit Orchesterbegleitung. Singen aus Liebe zur Musik und rechtzeitig volle Konzentration auf den Auftritt.
Ein Blick auf die Wurzeln
Dieser musikalische Glücksfall feiert 2026 sein 200. Jubiläum und blickt damit auf eine Geschichte zurück, die nur zwei Jahre später als jene des Basler Gesangvereins begann. Cantus Basel ist damit der zweitälteste aktive Chor im chorbegeisterten Basel. Und dennoch, man hat den Eindruck, es fällt diesem Chor nicht leicht, seine Geschichte gebührend zu feiern. Woran das liegt? Zum einen wohl an der Seele des Chors, die sich vor allem im Hier und Jetzt des Singens zu Hause fühlt. Zum anderen, weil sich der heutige Chor doch stark von seiner Gestalt in der Geschichte unterscheidet. Denn seine ersten 150 Jahre erlebte er als Basler Männerchor, ursprünglich gegründet 1826 mit der Absicht, «durch gute, volkstümliche Lieder die unanständigen Gesänge auf den Strassen und in den Wirtshäusern zu verdrängen».
Als erster Basler Männerchor prägte er das Kapitel des werdenden Schweizer Bürgertums stark mit. Im Gegensatz zum Basler Gesangverein, der aus dem Basler «Daig» entstanden war, gab man sich demokratisch und schrieb 1827 in die Statuten: «Zur Aufnahme kann sich jeder Bürger oder sonstiger Stadtbewohner melden, der Singfähigkeit besitzt und von unbescholtenem Ruf ist». Auch wenn die tatsächliche Offenheit heute schwer zu überprüfen ist: Männerchöre kann man tatsächlich als sowohl integrative, weil sozial divers, in ihrer explizit männlichen Ausrichtung aber gleichzeitig auch ausschliessende bürgerliche Bildungsanstalten bezeichnen. Sie entwickelten sich zu potenten beruflichen Netzwerken und zu bürgerlich-liberalen oder konservativen Plattformen. Beide politischen Varianten vereinten wiederum das Versprechen, zu zahlreichen Möglichkeiten die strengen Konventionen des 19. Jahrhunderts zugunsten von feucht-fröhlicher Entspannung zu überwinden. Zum Beispiel anlässlich von Sängerfesten und Wettbewerben, von denen die zahlreichen silbernen ersungenen Trophäen zeugen, aus denen man wiederum gemeinsam trinken konnte.
Die Geschichte der ersten 100 Jahre ist in einer gut 340-seitigen 1926 erschienenen Festschrift episch dokumentiert: Es gab zahlreiche Höhen und Tiefen: 1852 spaltete sich die Basler Liedertafel ab, um die Jahrhundertwende zählte man über 200 aktive Sänger. Die zweiten 100 Jahre begannen ebenso engagiert mit einem in Basel noch heute sehr bekannten Dirigenten: Paul Sacher, der den Chor ab 1929 für fünf Jahre leitete. Das 150. Jubiläum feierte man 1976 noch als Männerchor Basel, auch wenn die Transformation in einen gemischten Chor bereits im vollen Gange war.
Gemischter Chor als Erfolgsgeschichte
So sehr sich der heutige Cantus Basel als Gemischter Chor vom Basler Männerchor der ersten 150 Jahre unterscheidet, er ist doch aus diesem entstanden. Der Männerchor wurde nicht gecancelt und durch einen neuen Chor ersetzt. Die Transformation wurde innerhalb der Institution wohl intensiv diskutiert und erstritten. Das Ergebnis ist damit nicht nur Teil seiner Geschichte, sondern die Erfolgsgeschichte der letzten 50 Jahre. Denn während sich in der Schweiz zahlreiche Männerchöre in den Jahrzehnten nicht mehr erneuern konnten und sich schliesslich auflösen mussten, ist dem Basler Männerchor der Schritt in die Gegenwart nachhaltig gelungen. Ab 1977 als Gemischter Chor Basel und ab 1999 als Cantus Basel.
Wie aber kamen die Frauen in den Basler Männerchor? Welche Strategien und Konflikte können wir erkennen? Bereits in den 1950er Jahren singt der Basler Männerchor des Öfteren mit Frauenchören zusammen. Klar zu erkennen ist, dass Walther Aeschbacher, Chorleiter von 1934 bis 1968, das Repertoire für Männerchöre als einengend empfand. Als Komponist wusste er sich eine Zeitlang noch selbst zu helfen, indem er hauptsächlich neue Werke für Männergesang schrieb und so die Literatur für seinen Chor erweiterte. Doch für die grossen Werke der Chorliteratur brauchte er Frauenstimmen und so suchte er ab den 1950er Jahren vor allem die Zusammenarbeit mit dem 1936 gegründeten Frauenchor Concordia. 1955 führt man im Münster gemeinsam Händels «Messias» auf, zahlreiche weitere Koproduktionen folgten.
Als der Concordia Chor dann 1972 – inzwischen hatte Gregor Müller die künstlerische Leitung des Chors übernommen – ein weiteres geplantes Münsterkonzert wegen anderer Verpflichtungen absagen musste, gründete man ad hoc einen eigenen Frauenchor. «Es fand sich eine stattliche Schar von vorwiegend jüngeren Frauen und das Konzert wurde zu einem grossen Erfolg», notierte Gottfried Stamm, Präsident des Chors 1976 in die Jubiläumsbroschüre zur 150. Jahrfeier. Nach einem weiteren Konzert wurde der Frauenchor «fest in den Basler Männerchor integriert». Dass einige Chormitglieder Bedenken gegen diese weibliche Erweiterung hatten wird dabei offensichtlich: «Die entsprechenden Statuten, als Männerchor autonom zu bleiben, aber auch regelmässig Gemischtchorwerke aufführen zu können, werden erarbeitet.» Die Männer des Basler Männerchors gingen genaugenommen aufs Ganze: Als Männerchor autonom bleiben, über einen eigenen Frauenchor verfügen und mit diesem regelmässig Gemischtchorwerke aufführen. Und damit auch gleich noch die Nachwuchssorgen, die den Männerchor, «wie so viele andere Chöre», plagten, mitzulösen. Dass dieser patriarchale Plan dann schliesslich doch für die gesellschaftsbewegenden 1970-Jahre zu viel war, wurde bereits im folgenden Jahr klar: Man schickte den 151 Jahre alten Basler Männerchor in Pension und trat ab sofort als Gemischter Chor Basel auf.
Frauen unter Druck und am aufsteigenden Ast
Wie sahen die Frauen diesen Prozess? Im Jubiläumsheft 1976 findet sich die Stimme von Chormitglied Hedi Strickler-Dolder. Sie beginnt mit einem Seitenhieb auf die Männerwelt des Chors und führt mit feiner ironischer Klinge aus, dass der Verband Schweizer Frauen- und Töchterchöre wohl nur deshalb erst 100 Jahre nach dem nur von Männerchören getragenen Eidgenössischen Sängerverein gegründet wurden, weil Frauen nicht das gleiche Bedürfnis hatten, «sich zu organisieren und «Vereinsmeierei (lies: feucht-fröhliche Geselligkeit, bei den Herren der Schöpfung oft Sitzungen genannt) zu betreiben». Gleich darauf wird aber der Druck, unter dem die Frauen knapp vor der Gründung des Gemischten Chors standen, spürbar:
«Selbstverständlich sollen singende Frauen sich zu Chören vereinigen und sollen die Frauenchöre neben den Männerchören ihre selbstständige Berechtigung haben dürfen, obwohl der reine Männerchor seines naturgegebenen grösseren Klangvolumens wegen meistens in den Vordergrund gerückt wird. Die Musikpflege in der Familie aber darf keinesfalls darunter leiden, dass die Mütter nun in die wöchentliche Chorprobe gehen und daher zuhause keine Zeit oder kein Bedürfnis mehr haben, mit den Kindern zu singen oder zu musizieren. Viele junge Frauen sollten sich daher wieder auf ihre wichtigsten Aufgaben in der Familie besinnen.»
Kein heute noch aktives Mitglied von Cantus Basel war in diesen Zeiten des Umbruchs dabei. Die dienstältesten Sängerinnen und Sänger stiessen am Ende der 1980er Jahre dazu. In ihren Rückblicken wird weitgehend übereinstimmend klar, dass der Chor auch in den 1980er und beginnenden 1990er Jahre noch teilweise von Traditionen geprägt war, die heute nicht mehr da sind: Der gegenseitige Umgang war formeller, der Dresscode strenger, der Ton des Chorleiters bisweilen autoritärer, der Vorstand grösser, die Papierarbeit von formalen Regeln geprägt. Dies änderte sich insbesondere ab den 1990er Jahren, nicht zuletzt mit dem neuen Dirigenten Walter Rietmann und dessen moderner und zugewandter Herangehensweise.
Online in eine neue Ära
2020 wurde in der langen Geschichte von Cantus Basel und damit auch des Basler Männerchors mit Olga Pavlu erstmals eine Frau musikalische Leiterin. Die erfahrene Opern-, Konzert- und Chordirigentin, die in Basel auch den Universitätschor und das Universitätsorchester leitet, war von der Qualität des Chors angetan. Als sie die Stelle Anfang Mai 2020 antrat, befand sich die Stadt mitten im Corona-Lockdown. Sie liess sich davon nicht abhalten und startete die neue Ära online. Gerade dieses Durchbrechen der jeweiligen Isolation brachte den Chormitgliedern eine neue Qualität des Beisammenseins, was sich auch auf die Stimmung in den darauffolgenden analogen Zeiten übertrug. Heute schätzen die rund 60 Sängerinnen und Sänger die Stimmbildung beim Ankommen, die prinzipiell lockere Stimmung in der Probe, die sich auf dem Weg zum nächsten Konzert immer stärker fokussiert. Und schliesslich die präzise Führung durch ihre Dirigentin, die die grosse Fähigkeit besitzt, Musik in Sprachbildern aufzulösen, bisweilen sehr humorvoll, wodurch Noten, Stimmungen und Intentionen für die Sängerinnen und Sänger auch in sehr komplexen Werken plastisch begreifbar werden.
Cantus Basel ist gut aufgestellt und erarbeitet sich Jahr für Jahr die klassische und moderne Chorliteratur immer wieder engagiert aufs Neue. Der Chor unter der Leitung von Olga Pavlu ist eben ein musikalischer Glücksfall, für die, die singen, aber auch für die, die nur zuhören wollen. In Basel, hier und jetzt, und in gewisser Weise seit 200 Jahren.